Sammelurin

limited author’s edition, 2006

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An outlandish report about a hospital accompanied by photografic notes.
F.N. slips into the role of journalist, photograph, critical observer and last but not least of the victim.

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size. 220 280 mm, 84 pages, brochure, hand-bound

Special Edition: 40, German

 

 

 

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Guten Tag Frau N. Schön, dass wir sie endlich mal zu sprechen kriegen.
Die Freude ist ganz meinerseits. (überlegt und hippelt leicht nervös auf dem Stuhl)
Nun, dann legen wir einfach mal los. Uns allen ist ja eigentlich schon klar, wodrums sich hier dreht. Ihr Krankenhausaufenthalt.
Genau, eine reizvolle Zeit.
Ja, in ihrer Geschichte beschreiben Sie en detaille, was Ihnen so widerfahren ist. (blättert im Sammelurin) Sie versuchen also die Umstände zu dokumentieren, unter denen Sie gelitten haben? Wann haben Sie die Idee gehabt, das alles so genau aufzuschreiben?
Mach ich immer so.
Mmh, das müssen wir uns merken. Aber jetzt mal im Speziellen: Was interessiert Sie an Ihrem Schicksal?
Ich würde sagen, »interessieren« ist hier das falsche Wort. Punkt um: Es ist halt einfach, was ich so erlebt habe. Ich kam nicht umhin, das alles so festzuhalten. Ich war wirklich entsetzt. Man weiß dann ja erstmal irgendwie doch nichts, und plötzlich steckt man mittendrin. (lacht)
Kann ich verstehen. Aber die Frage, die sich mir stellt, ist, ob Sie »einfach« nur so geschrieben haben, oder mit einem speziellen Hintergedanken. Diese Dokumentation, war das alles streng kalkuliert?
Also Ja und Nein. Man muss sich vorstellen, dass ich da, also in der Klinik, oft stundenlang rum saß und einfach nichts zu tun hatte. Man hatte mir Zettel und Stift gebracht, und zu selbigen Utensilien griff ich alsbald. Natürlich wollte ich einerseits festhalten, was da geschah, und das zum einen für die Nachwelt, zum anderen erstmal nur für mich. Denn obwohl es meistens schrecklich langweilig war, passierten doch wiederum die merkwürdigsten Dinge. Finden Sie etwa nicht, dass der banalste Alltag die spannendsten Geschichten erzählt?
Na ja, und da hatte ich Alltag, aber eben doch nicht meinen herkömmlichen Alltag. Wenn es den gibt… (zögert). Verstehen Sie, was ich meine?
Gewissermaßen schon. Was ich aber anziehend finde, ist, dass Sie neben bloßer Dokumentation viel über Ihre Empfindungen schreiben. Gehört das dazu?
Klar. Auch wenn ich es jetzt schon wieder gar nicht so gern zugeben würde, aber ich war schon recht besorgt. Dann wusste ich meistens einfach nichts, und war mit einer Irren allein, deren Ergüsse Stunde um Stunde durch das enge Zimmer waberten. Außerdem war ich auch irgendwie wütend, irgendwie verstimmt. Ich verstehe übrigens bis heute nicht, warum ich eingeliefert wurde. Gebessert hat sich dadurch wenig. (rümpft die Nase) Na ja, aber zu ihrer Frage. Ärger, Wut, Unverständnis, das musste raus. Und so eine Niederschrift, die kann einem schon helfen, damit umzugehen. Also, finde ich.
Man kann das ja fast Gefühlstransport nennen.
Uh-uh-uh … in front of the sky-hy-hy … (singt) Wie bitte? … we walk around… tschuldigung, können Sie mich was anderes fragen. Zum Beispiel: »Was sagt der Körper« oder ob Schluckauf vom Erschrecken verschwindet.
Möchten Sie denn darüber sprechen?
Nein!
Also, Sie tragen Handschuhe. Ihr Problem?
Ich glaube, das Problem liegt hier vor allem in der Fragestellung, weniger im Thema an sich. (Geste für …)
Sie haben oft einen zynischen Unterton. Ist das beabsichtigt?
Meinen Sie im Text? Klar ist das beabsichtigt. Was mich aufregt, regt mich an. Leuchtet ein, oder. Ist sozusagen ein Racheakt. Oder so. Oder nee. Racheakt hört sich gleich so böse an. Es geht vielleicht eher ums Mokieren. Man kann dann eben doch nicht alles so wahnsinnig ernst nehmen. Streng genommen…
Aber ist dieser Sarkasmus ein bewusst eingesetztes Stilmittel?
Sarkasmus. Das finde ich jetzt aber dick aufgetragen. Wie Butter mit Käse. Aber wenn Sie so wollen: Irgendwie schon. Er, dieser von Ihnen so genannte Sarkasmus, hilft mir, Sachen zu verarbeiten und zu beschreiben. Ich find das richtig super. Gleichzeitig ist es meine Art und Weise eine Meinung zu äußern. Wie gesagt, ein Fünkchen guten Spotts ist nie von der Bettkante zu stoßen. Da kenne ich keine Gnade, auch nicht vor meiner Wenigkeit und dem persönlichen Schicksal. Vieles ist schlimm, und das soll nicht unter den Teppich gekehrt werden, es gibt aber auch viel schlimmeres, und das weiß ich auch.
Gut, wann waren Sie das erste Mal verschnupft, krank… ?
(beide lachen)
Wollen Sie dieses Interview eigentlich auch abdrucken? Mir kommt es vor, als könnten Sie nichts Wissenswertes aus mir rauslocken, hehe. Aber wenn Sie wollen, gebe ich eine Antwort auf die schwammige Frage von davor: Keine Ahnung, wann ich das erste Mal krank war. Ich bin nie krank. Und jetzt nie wieder kalter Kaffee. Versprochen! (lacht erneut)
Wie haben Sie sich auf der Station die Zeit vertrieben?
Uff – ich hatte einiges zu lesen. Zeitungen, SMS, ein gutes Buch. Darüber spreche ich auch in der Titelgeschichte. Ein sehr schönes Buch. Es hat mir ab und an ein Lachen aufs Gesicht gezaubert.
Aber das kanns doch nicht gewesen sein?
Nö, dann habe ich noch gegessen und vorher meist das Essen fotografiert. Ich glaube übrigens, man hielt mich für verrückt. Entrückt aus dieser Welt. Witzig war es echt, als das Foto entstand … wissen Sie, das, wo ich aus der Schüssel trinke und allein am Tisch in meinem Zimmer sitze. Ein einziges Hickhack. Kamera postiert, Selbstauslöser eingestellt… na ja, und dann hin und her geflitzt, ausgelöst, Stellung eingenommen. Das dauerte. Immer ging es in die Hose. Meiner Meinung nach. Dann die Kamera auf einem Stapel Bücher auf dem Nachtschränkchen. Eine Wackelpartie.Ich war plötzlich so beschäftigt, dass ich die bereits im Raum stehende Schwester nicht bemerkte. Sie wollte mir wohl Tabletten bringen, verließ dann aber einfach kopfschüttelnd das Zimmer. Gesagt hat Sie dazu auch später nie etwas. Mmh, und was habe ich sonst so gemacht? (rollt übertrieben mit den Augen) Es gab dann ja auch noch die Glotze. Die lief zwar meistens, aber ich habe nicht hingekuckt. Allein schon aus Protest. (lacht) Ich wollte es meiner Zimmernachbarin zeigen. Dann bin ich manchmal draußen herum gelaufen. Im Aufenthaltsraum konnte man ziemlich spannende Konversationen führen oder zumindest miterleben. Mittendrin statt nur dabei. Da berichten Patienten plötzlich von Maden, die ihnen in offene Wunden gesetzt werden, oder von skurrilen Episoden in ihren Zimmern. Einer erzählte von einem Obdachlosen in seinem Zimmer. Er fand es seltsam.Hauptsächlich waren auf meiner Station auch alte Patienten. Die freuten sich immer, mal mit einem jungen Spund ins Gespräch zu kommen. Ab und an trieb ich mich auch in der Grünanlage herum. Da ging es ja richtig rund. Ich sag nur »Shuttle-Jens«. Und das war’s dann auch schon mit Zeitvertreib. Ansonsten warten, warten, warten… Ach so, nachts habe ich oft schlecht geträumt.
Können Sie sich an die Träume erinnern?
Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Auf jeden Fall war ich morgens oft ziemlich aufgekratzt.
Ich an Ihrer Stelle wäre ja in Panik ausgebrochen! Man wird ja furios!
Nein, uferlos!
Haben Sie denn auch mal so richtig Ärger gehabt? Oder womit wurden Sie am ehesten auf die Palme gebracht?
Also »richtig Ärger gehabt« kann man so auch nicht sagen. »Auf die Palme gebracht« trifft es schon eher. Und dann könnte ich Ihnen eine lange Liste herunterleiern… Irgendwie ist es aber gleichzeitig ziemlich schwierig zu strukturieren, denn das betrifft so viele unterschiedliche Bereiche. Auf jeden Fall natürlich mit den Greiferchen an erster Sorgenfront. Ich bin fast uschig geworden. Brrr (schüttelt sich über und über) Hätte ich mal gewußt, was Sache ist. Aber Pustekuchen. Nichts da. Das kann einen schon extrem verzweifeln lassen. Damit hängt dann auch schon der nächste Punkt zusammen. Das Krankenhaus an sich. Natürlich wusste ich von vornherein, dass ich dort nicht bemuttert würde, aber dass man streckenweise schlichtweg wegignoriert wird, hätte ich auch nicht gedacht. Dabei habe ich mich so bemüht aufzufallen. Und das betrifft nicht nur die Behandlung, sondern vor allem Zwischenmenschlichkeiten. Kein Grüßen, kein Nachfragen, keine Erklärungen. Wenn man was wissen will, muss man schon sehr aufmüpfig daherkommen. Und man will natürlich etwas wissen. Man ist ja nicht umsonst dort, man hat schließlich ein Leiden. Aber abgefertigt wird man. Und ich rede da nicht nur von mir. Mann, bin ich froh, dass ich nicht am Tropf hing oder im Koma lag. Da ist man ja völlig abhängig, kann sich nicht wehren. Was ich beobachten durfte oder von anderen Patienten hörte, reicht mir. Na ja, und die Liste geht weiter. Ich sag nur Stichwort Zimmernachbarin. Kann man sich halt nicht aussuchen. Pech gehabt! Man kann sich eigentlich gar nichts aussuchen. Das ist vielleicht das Grundproblem. Genauso wenig das Essen, den Zeitplan, einfach nichts. Man ist Opfer. Oder ich sag mal: Man wird zum Opfer gemacht, auch wenn man sich selbst gar nicht so sieht. Irgendwie nervig. Achso, das Essen war übrigens gänzlich ungewürzt.
Schier unglaublich. Das hört sich nach »der« Höhe an.
Ja. (hat Tränen in den Augen)
Na, jetzt sind sie ja schon wieder das Opfer. Unser Einzelschicksal. Verleiht Ihnen das keine Glücksgefühle.
Und ob. Endlich kann ich mal großkotzig meinen Senf dazugeben. Ich bin hin und weg. Und eigentlich bin ich ja auch Hypochonder. Habe mir übrigens auch im Krankenzimmer Poster mit Blut und Knochen drauf übers Bett gehängt. Mal so richtig leiden. Yeah!
Was für Poster haben Sie sich angehängt?
Ach, sie haben mich doch hoffentlich nicht ernst genommen jetzt. Eigentlich bin ich nämlich sehr anständig. Betragen: Eins.
Nun gut. Dann wünsche ich Ihnen mal gute Besserung und sage vielen Dank für das Interview. Nur noch ganz kurz: Was ist das denn hier?
Der Pillemann, hehe. Nein, Spaß beiseite. Der wunde Punkt. Tschüß.

 

 

Im Rückblick gebe ich zu, recht froh zu sein, F. N. letztendlich angetroffen zu haben. Es stellte sich nämlich als zunehmend schwer heraus, einen festen Termin für das Interview zu vereinbaren. Nach unzähligen erfolglosen Versuchen gelang es mir dann doch, dieses lang ersehnte Treffen zu verabreden. Ich erwischte F. N. bei einer Musestunde. Als es dann soweit sein sollte, kam in meinem Inneren regelrecht Muffensausen auf. Ich war zwar genügend präpariert, hatte mir einen facettenreichen Fragenkatalog zusammengestellt, und war trotz allem voller Sorge und Unrast. Die quälende Frage, wie das Gespräch ablaufen könnte, wie das Gegenüber »drauf« sein würde, ließ mich nicht los. Den reibungslosen Verlauf und den wunderbar funktionierenden Gesprächsleitfaden, den ich so klassisch strukturiert darlegte, hätte ich mir nie erträumt. Es wurde viel gelacht und die Stimmung war klasse. Man kann schon ein dolles Glück haben. Danke noch mal und Good Luck! // P.P.

 

 

 

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impressum © by Franziska Nast